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Die Wirtschaft im Pausenmodus: Geht das?

Interview mit Aymo Brunetti

Aufgrund der Covid-19-Pandemie wurden grosse Teile der wirtschaftlichen Tätigkeiten gestoppt. Die Arbeitslosenquote in der Schweiz stieg im März bereits auf 2,9 Prozent. Ein Gespräch mit dem Berner Wirtschaftsprofessor Aymo Brunetti zeigt, die Massnahmen des Bundes könnten helfen.


Herr Brunetti, lässt sich die momentane Krise mit der Finanzkrise vergleichen?

Die Finanzkrise entstand aus einem Problem in einem bestimmten Teil der Wirtschaft, nämlich dem Bankensektor. Jetzt aber ist es nicht mehr ein Teil der Wirtschaft, der nicht mehr funktioniert. Sondern wir stehen vor der Aufgabe, die gesamte Schweizer Wirtschaft vorübergehend herunterzufahren.

In Zürich wurde im März für fast jeden fünften Angestellten Kurzarbeit beantragt. Wie lange kann der Staat da noch aushelfen?

Die Kurzarbeit ist das ideale Mittel, um eine vorübergehende wirtschaftliche Flaute zu überstehen. Bei Liquiditätsproblemen in einer Rezession stehen Unternehmer, was die Arbeitskosten betrifft, grundsätzlich nur die zwei Möglichkeiten offen, Personen zu entlassen oder sie für Kurzarbeit anzumelden. Bei der Kurzarbeit bleibt das Arbeitsverhältnis bestehen und die Tätigkeiten können nach der Krise unverzüglich wieder aufgenommen werden.

Die Corona-Krise könnte länger dauern, diese Massnahme ist aber eine kurzfristige.

Dank Kurzarbeit können plötzliche Entlassungen verhindert werden. Auch für den Fall, dass eine langanhaltende Rezession entstehen sollte, ist es besser, dass Arbeitsstellen schrittweise abgebaut werden, anstatt schlagartig wegzufallen.

Trotz 42-Milliarden Hilfe für die Schweizer Wirtschaft stieg die Arbeitslosenquote im März auf 2,9 Prozent. Braucht es einen Corona-Kündigungsschutz?

Ein Kündigungsschutz überträgt die gesamten Kosten und das Risiko auf den Arbeitgeber, was in einer Krise seine Überlebensfähigkeit akut verschlechtert. Wenn dieser dadurch in den Konkurs geht, verlieren alle auf einmal ihre Arbeit. Es ist sinnvoll, wenn Unternehmen nach ihrer eigenen Entwicklung und ihren Einschätzungen handeln und dabei auch Leute schrittweise entlassen können; kaum ein Arbeitgeber macht so etwas leichtfertig und ohne dringlichen Grund.


Lieferungen anstatt Laden.Trotz neuen Modellen können viele nicht mehr arbeiten. Bild Angela Krenger


Wo würden sie mit einem Hilfspaket ansetzen, angenommen Sie müssten ein solches gegen die Krise lancieren?

Ich finde die Massnahmen des Bundes mit Fokus auf Kurzarbeit und Liquiditätssicherung sehr gut.

Mit einer 20-Milliarden Bürgschaft will der Bund KMU Zugang zu Krediten ermöglichen und übernimmt eine Aufgabe, die sonst Banken wahrnehmen.

Ich denke, die Hilfe für die KMU ist gut konstruiert. Der Staat bedient sich Mitteln, die bekannt sind wie der Bürgschaft und nutzt bestehende Strukturen wie die der Banken. Anstatt zum Beispiel selbst einen eigenen Milliarden-Fonds aufzubauen, vergeben Banken die Kredite. Allerdings sollte man darauf achten, dass eine allfällige Ausweitung nicht zu einer Verwässerung der Abgrenzung der Verantwortlichkeiten und Risiken zwischen Staat und Banken führt.

Im Moment werden Berufsleute wie Taxifahrer, Physiotherapeuten oder Grafikerinnen vom Hilfspaket ausgelassen. Bleibt für diese Personen noch Geld übrig?

Ich gehe davon aus, dass der Bund die Massnahmen entsprechend erweitern wird. Der Bundesrat hat soeben bekannt gegeben, dass er die 20 Milliarden erhöhen will. Ich finde es wichtig, dass alle betroffenen Branchen und Unternehmen Zugang zu den Geldern haben. Der Staat sollte keine Industrieunterscheidungen vornehmen. Die Schweiz ist im Vergleich zu anderen Ländern wenig verschuldet. Wenn es nicht zu lange dauert, kann sich nach meiner Einschätzung der Bund die nötigen Finanzhilfen für die Wirtschaft leisten.

Wie sieht in Ihren Augen das best mögliche Szenario für die nächsten Wochen aus?

Im besten Fall wird eine schrittweise Öffnung der Wirtschaft ab Mai wieder möglich; gegeben die Corona-Kurve fällt ab. Ich hoffe, dass insbesondere in den Osterferien die Massnahmen weiter strikt eingehalten werden, sodass es nicht zu einem Anstieg der Neuansteckungen kommt, was zu einem Aufschub des Einstiegs in die Normalisierung führen würde.


Aymo Brunetti ist seit 2012 ordentlicher Professor am Departement Volkswirtschaftslehre der Universität Bern. Er verfasste unter anderem zwei populärwissenschaftliche Bücher zur Finanzkrise. Diese Krise erschütterte spätestens mit dem Zusammenbruch der US-amerikanischen Großbank Lehmann Brothers im September 2008 die Weltwirtschaft.


Titelbild: Aushang "Wir liefern!", Bild Angela Krenger

PENG-Project, Angela Krenger, 2. April 2020