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Tattoo-Artists: Wer sind sie?

Reportage von Angela Krenger

In der Schweiz gibt es rund 800 gemeldete Tattoo-Studios; allein in der Stadt Thun BE sind es ein Duzend. Wer aber sind Tattoo-Artists? Ein Abstecher in die Thuner Tätowier-Szene.


Peter Bilang, Remo Minder und Maik Linder sind Tätowierer (Bild). Die drei ausgiebig tätowierten Männer teilen sich das Studio „Royal Flush“ im Gwatt, Thun. Peter Bilang eröffnete das Studio vor zehn Jahren. Der heute 40-Jährige stach sein erstes Tattoo im Alter von 19 – sich selbst. Auch der 44-jährige Maik Linder ist seit 20 Jahren im Tattoo-Geschäft. Obschon es heute schwierig ist, jemanden mit einem Tattoo zu schockieren, noch bis 1996 war im Kanton Bern das Tätowieren verboten. Mit dem Hellfire Studio entstand in der Thuner Innenstadt eines der ersten legalen Studios des Kantons Bern. Aufgrund von mehreren Tattoo Conventions in den frühen 2000er Jahre war Thun zwischenzeitlich gar eine Hochburg des Tattoos.


Beim Besuch im Studio Kashina zeigt der heute 58-jährige Thuner Tätowierer James Bichsel den Fotoband einer solchen Convention. Gleich auf der ersten Seite erscheint ein Porträt des berühmten, 2010 verstorbenen deutschen Tätowierers Herbert Herrmann. Dieser hatte bereits in den 1960er Jahren in Hamburg ein Studio eröffnet. James Bichsel und seine Frau Shaila Bichsel organisierten die dreitägige Convention in der Curlinghalle Grabengut. Der Thuner Tätowierer vergleicht den Anlass mit einem Familienfest: An Ständen wurden Tattoos gestochen, es gab Shows aber auch ein ausgiebiges Kinderprogramm. Eines der Bild zeigt den jungen James Bichsel mit langen, schwarzen Haaren wie er mit einer Schar Kindern einen Zeichenwettbewerb veranstaltet. Am Schluss des Fotobands sieht man unterschiedliche Leute ihre Tattoos auf der Bühne vorführen; es ist eine Prämierung für die besten Tattoos.



Tätowierer James Bichsel. Bild Angela Krenger


Die Szene und der Tattoo-Markt verändern sich. Das könnte an einer zunehmenden Kommerzialisierung liegen. Im Moment scheinen Tattoos trendy zu sein. Weltweit zeichne sich ab, dass es für Geschäftsleute attraktiv sei, ein Studio zu eröffnen und Leute anzustellen, ohne aber selbst ein Interesse am Handwerk zu haben, erzählt der Tattoo-Künstler Flavio Xavier. Ich besuchte in Thun das Studio von Flavio Xavier, das Royal Flush Tattoo, das Hellfire Tattoo & Piercing, und das Tattoo Kashina Thun. Die Studios bestehen seit mindestens zehn Jahren in der Stadt. Grundsätzlich scheint es typisch, dass ein Tätowierer selbstständig tätig ist. Das heisst, auch in einem Studio arbeitet jeder und jede auf eigene Rechnung. Dabei teilen sie ihre Arbeit oft auf Social Media. Der Tattoo-Artist Daniel Bisang alias Dani Hellfire vom gleichnamigen Studio schafft es zum Beispiel auf Instagram auf 2‘760 Abonnenten.


„Gib du mir deine Schuhe, und ich mache dir ein Tattoo“, beschreibt Flavio Xavier die Situation wie sie in Brasilien war. Die meisten hätten wenig Geld, und so sei es ganz normal gewesen zu tauschen. „Angefangen hat es bei mir mit fünfzehn. Ich kam nach Hause und fragte meine Mutter 'Mama, darf ich ein Tattoo?'“, berichtet Flavio und fügt an, die Mutter habe das klar verboten. Mit siebzehn habe er sich dann doch eines stechen lassen und bald darauf selbst angefangen zu tätowieren. Nach rund drei Jahren Ausbildung als Zeichner und einem Studio im nördlichen São Paulo in den 80er und frühen 90er Jahren, ging er auf ausgedehnte Reisen auf denen er tätowierte. „Jedes Tattoo musst du geniessen, jede Arbeit musst du geniessen“, erklärt der Brasilianer seine Philosophie. In Europa verschlug es ihn hauptsächlich nach London, dann war er längere Zeit in Bern, bis er vor 10 Jahren ein eigenes Studio im Bälliz Thun eröffnete. Der 49-Jährige lebt mit seiner Frau und zwei kleinen Kindern in Hünibach am Thunersee.



Flavio Xavier am Zeichenpult. Bild Angela Krenger


Obschon sie von zwei unterschiedlichen Kontinenten stammen, war sowohl für Flavio Xavier wie auch für den Thuner James Bichsel das Leben seit Jugendtagen an geprägt vom Tätowieren. James Bichsel hatte früh sich selbst, im Kollegenkreis und innerhalb der Familie Tattoos gestochen. Er arbeitete anfänglich als Schlosser, in der Pflege und betrieb eine Wäscherei. Nach dem Besuch einer Tattoo Convention 1998 eröffnete er vor 21 Jahren sein erstes Studio in der Thuner Altstadt. Nebst dem Tätowieren widmet sich James Bichsel dem Kunsthandwerk. So hat er zum Beispiel Teile der Einrichtung seines Studios aus Schwemmholz hergestellt. Heute arbeitetet der Thuner an der Oberen Hauptgasse 9 zusammen mit seiner Frau Shaila, die am selben Ort ein Kleider- und Dekorationsgeschäfts führt. Sie berate seine Kunden, während er tätowiere.


Das Coronavirus beschäftigt auch die Tätowierer. (Vgl. auch Kasten «Umgang mit Covid-19-Pandemie»). Tattoo-Artist Remo Minder ist überzeugt, für ihn als Dienstleister sei Vorsicht angebracht. Allerdings scheint das Thema übertragbarer Krankheiten und Hygiene im Tattoo-Business seit jeher omnipräsent. Die Betriebe werden auch regelmässig kontrolliert. Ein aktuelles Sicherheitsthema sind die Farben. Die Europäische Chemikalienagentur (ECHA) hat Anfang Jahr empfohlen, über 4000 bedenkliche Substanzen bei Tattoo-Farben und permanentem Make-up zu verbieten. Davon betroffen sind auch die beiden Farbpigmente Blue 15 und Green 7. Diese Pigmente sind in zwei Dritteln aller Tattoo-Farben enthalten. Gegen ein Verbot hat sich breiter Widerstand formiert. Der Verband Schweizerische Berufstätowierer (VST) unterstützt zum Beispiel die Petition „Tattoofarben retten“ der Deutschen Organisierten Tätowierer, die von 151‘679 Personen unterzeichnet worden ist.



Daniel Bisang alias Dani Hellfire. Bild Angela Krenger


Gab es in Thun Ende der 90er Jahre an die drei Tattoo-Studios, so sind es heute rund ein Duzend. Remo Minder vom Royal Flush Tattoo erklärt, dass sich heute jeder ein Set zum tätowieren online bestellen könne. Der Beruf ist nicht geregelt. In der Schweiz gebe es ca. 800 offizielle Tattoo-Studios, wobei auf jeden gemeldeten Tattoo-Artisten etwa 3 nicht gemeldete Künstler kommen würden, berichtet Fabio Colombo, Vizepräsident Verband Schweizerischer Berufstätowierer. Der Markt sei im Moment gesättigt, und das obschon gemäss Schätzung des Verbands 10 bis 20 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer tätowiert sind. Tattoo Conventions gibt es nach wie vor. Eine Convention mit internationaler Ausstrahlung sind die InkDays in Zürich. Diese mussten aufgrund des Coronavirus vom April auf den verschoben werden.


Umgang mit Covid-19-Pandemie

Dieser Bericht entstand vor dem landesweiten Lockdown vom 16. März. Die Tattoo-Betriebe sind ebenfalls von den Massnahmen gegen das Virus betroffen. Der Bundesrat verfügte den Lockdown vorerst bis am 26. April, doch ist es weiterhin unklar, wann die Läden wieder öffnen werden. Der Verband Schweizer Berufstätowierer (VST) versendet fast täglich Infoschreiben an die Mitglieder und Abonnenten ihres Newsletters. Der VST hat auf der Website www. tattooverband.ch eine Infoseite eingerichtet. Der Verband stellt dort aktuelle Informationen online und informiert über Massnahmen, die Tattoostudios treffen können, um den finanziellen Verlust möglichst klein zu halten. (akr)


Titelbild: v.l.n.r. Tätowierer Peter Bilang, Remo Minder und Maik Linder, Bild Angela Krenger

PENG-Project, Angela Krenger, 14. April 2020

Erstveröffentlichung Berner Zeitung, Thuner Tagblatt, Berner Oberländer: https://www.bernerzeitung.ch/ich-habe-grossen-respekt-vor-der-arbeit-364440183228